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Wunderkammer des Gelehrten Ole Worm, 17. Jahrhundert

 

Modell MUSEUM FÜR ALLES - Henrik Schoop

Modell MUSEUM FÜR ALLES – Henrik Schoop

Ein Museum für Alles

 

 

Was ins Museum kommt und dort gezeigt wird, entscheiden nicht dessen Besucher_innen sondern Kurator_innen und Direktor_innen. Warum das so ist, lässt sich mit einem Blick auf die Anfänge des Museums als heiligem Ort und den Bildungsbegriff erklären, der dem Museum seit der Phase seiner Popularisierung als Bildungseinrichtung im 19. Jahrhundert zugrundeliegt. Im antiken Griechenland war das „Mouseîon“ ein sakraler Ort, an dem die Musen verehrt wurden. Dort eingeübte Stille und Verehrung, damit aber auch Distanz zu den Exponaten zeichnen viele Museen beziehungsweise das regulierte Verhalten in ihnen bis heute aus.
Eine ambivalente Form der Öffentlichkeit, die zwischen Zugänglichkeit und Zugangskontrolle sowie zwischen Identifikation und Ausschluss changiert, ist dem Museum also seit seinen Anfängen zueigen. Einige dieser fundamentalen Eigenschaften übernimmt das Museum, wie wir es heute kennen, in der Epoche seiner Öffnung für potentiell alle sozialen Schichten, die vor allem von seiner Instrumentalisierung und Institutionalisierung als Bildungseinrichtung motiviert war. Durch ein komplexes Set von Strategien des Zeigens wird das Museum zu einem Ort, an dem Kulturgüter in ihrer über subjektive Wahrnehmung hinausgehenden Bedeutung in Szene gesetzt werden. Anliegen der museal konstruierten großen Erzählungen ist die Vermittlung von (nationaler) Geschichte und Kultur, das Päsentieren des Andersseins der Anderen etc. was insbesondere in ethnologischen Museen bis heute weitgehend ungebrochen praktiziert wird. Sowohl über die Präsentation, über die in ihr vermittelten Geschichten wie auch über die Exponate wird dabei von Expert_innen entschieden. Es ist also höchste Zeit für ein Museum für Alle und Alles. Es gilt die Lücke zwischen dem Museum und seinen Besucher_innen zur Diskussion zu stellen und sich experimentell an Formen und Methoden zu versuchen, mittels derer das Museum zu einem unhierarchischen Ort der Begegnung ohne Absperrung und Vitrinenglas wird: Begegnungen von Kultur und Besucher_in, Menschen von nah und fern, unterschiedlichen Lebensbereichen und Künsten usw.
In den Künsten finden sich hierzu motivierende Ansätze, ein Beispiel: Mitte der 1970er Jahre gründete der Künstler Dieter Roth die „Zeitschrit für Alles“ als einen solchen Ort der Begegnung. Alle waren eingeladen, Beiträge einzusenden und erhalten die Garantie, dass diese auch gedruckt werden. Beim Durchblättern der Zeitschrift stellen die Besucher_innen überraschende, seltsame, erhellende Verbindungen zwischen allem Möglichen her. Von diesem Ansatz geht auch das „Museum für Alles“ aus: Am Anfang steht die Frage: Was soll ins Museum und warum? Aber auch: Was wollen Sie ins Museum bringen und was wollen Sie dort sehen? Ein „Museum für Alles“ bietet die bislang nicht dagewesene Möglichkeit, die Grenze zu hinterfragen oder einzureißen, die die Unterscheidung zwischen inner- und außerhalb des Museum als Institution, als Apparat der Machtausübung und als Bildungsinstitution markiert.
Ja, eine Utopie im allerbesten Sinne: „ou-tópos“ bedeutet nicht etwa Traum oder Spinnerei sondern „Nicht-Ort“, also etwas, für das es (noch) keinen Ort gibt. Gerade weil sie einer konkreten Verortung nicht bedürfen und frei von ihr sind, haben Utopien ein ungeheures Potential, eine Dynamik zu entwickeln, um bekannte Strukturen in Frage zu stellen. Tosterglope ist für viele ein Nicht-Ort, da sie ihn (noch) nicht kennen und ist damit ebenso virtuell wie der Ort, an dem dieser Text zu lesen ist – beide Orte (oder ist es nur einer?) verfügen also über genau dieses utopische Potential, dessen es bedarf, um drängende Fragen von einer (noch) nicht ver-orteten Position aus zu stellen.
Benjamin Meyer-Krahmer, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiengang „Kulturen des Kuratorischen“ www.kdk-leipzig.de an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig