Kunst- und Musikvermittlungen 2012

AMBULANZ-Zelt im Schlosspark Genshagen - Fotos: Inge Luttermann

AMBULANZ-Zelt im Schlosspark Genshagen – Fotos: Inge Luttermann

 

BKM – Preis Kulturelle Bildung 2012

 

KUNSTRAUM TOSTERGLOPE ist für sein Projekt AMBULANZ – Kunstvermittlungen auf dem Lande soeben mit dem BKM – Preis Kulturelle Bildung 2012 ausgezeichnet worden.
Kulturstaatsminister Bernd Neumann überreichte in Schloss Genshagen die 3 Preise für außerordentliche Projekte der kulturellen Bildung.
Für das AMBULANZ-Projekt hielt die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Johanna Wanka, die Laudatio.

 

Einen der drei mit jeweils 20.000 Euro dotierten Preise konnte der Kunstraum Tosterglope e.V. (Niedersachsen) für sein Projekt „AMBULANZ – Kunstvermittlung auf dem Lande“ entgegennehmen. Die Gemeinde Tosterglope besteht aus mehreren Dörfern mit insgesamt etwa 650 Einwohnern im Landkreis Lüneburg. Der Verein KUNSTRAUM TOSTERGLOPE e.V. wurde zur „Förderung und Pflege von Kunst und Kultur, insbesondere auch in Zusammenarbeit mit Jugendlichen“ gegründet. In seinem Projekt „Ambulanz – Kunstvermittlung auf dem Lande. Ein Vermittlungsnetz in die zeitliche und räumliche Fläche“ arbeitet er mit Schülerinnen und Schülern, mit Eltern-Kind-Gruppen, Familienbildungsstätten zusammen, um „autarke künstlerische Strukturen“ mit schulischen Strukturen zu verknüpfen, wobei feste Kooperationen entstehen. Seit 2008 sind über 60 Projekte durchgeführt worden.

 

 

Für weiterführende inhaltliche Informationen zu unseren Kunstvermittlungen AMBULANZ empfehlen wir die Lektüre des Magazins
AMBULANZ – KULTURELL UND ELASTISCH
Siehe >die Publikationen<
(ältere Ausgaben bis Nr. 7 verschicken wir zum reinen Versandkostenpreis)

 

Ein Beispiel aus der künstlerischen Kunstvermittlung, veröffentlicht in der
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AUFRÄUMEN
Unbenanntes, unvorhersehbares Ereignis: das Tsunami-Denkmal

Wir hatten uns viel vorgenommen mit der 11ten Klasse in Philosophie im Johanneum in Lüneburg. Die etwa 25 SchülerInnen sollten überrascht werden wie man eben als Künstler gelegentlich von sich selbst oder den eigenen Aktionen überrascht ist. Meist sind es die interessanten künstlerischen Vorgänge, die den Urheber (im Detail) selbst überraschen. Die Philosophie-SchülerInnen wagten wir in eine Aktion zu lenken, die letztlich nach 4 Aktionen abgebrochen werden musste. Eine uns überraschende Wendung, die aber zugleich eine genauso überraschende neue Erkenntnis brachte, die wir nun nicht missen wollen.
Der Reihe nach und sehr verkürzt: Wir betraten den Klassenraum, wurden den SchülerInnen als KünstlerInnen vorgestellt und baten dann die jungen Philosophen, das Klassenzimmer vollkommen auszuräumen: das Mobiliar und alles, was in dem schönen, gerade neu erbauten Kunstraum zu finden war sollte systematisch auf den Flur geräumt werden zu einer neuen Ordnung. Die Akteure sprachen Strategien ab, wie vorgegangen werden sollte. Im leeren Raum sollten sich nun alle selbst ordnen, auch systematisch wie eine zweckgebundene Möblierung. Die SchülerInnen hatten sich zuvor im Unterricht mit Paradoxien und Störungen als Voraussetzung fürs Denken auseinandergesetzt. Die wiederholten Diskussionen mit uns zeigten denn auch eine äußerst kritische Haltung gegenüber den Aufgaben, die wir stellten. Noch war die Abschlussaufgabe an diesem Tag, den Raum wieder einzuräumen – aber mit einer neuen Funktion – interessant und wurde mit Applaus bedacht. Sie bauten ein Hallenbad mit Sprungsockeln und Imbissstand im Klassenzimmer. Die Material-Schränke waren natürlich Umkleidekabinen.
Zum letzten Projekttag nach fünf Wochen wollten wir mit den SchülerInnen im Stadtbereich Lüneburgs Schulmobiliar zu einem Denkmal für den Tsunami „aufbauen“. Der Marktplatz war ihnen bei der vorbereitenden Besprechung nicht brisant genug – es sollte die enge Fußgängerzone sein, damit die Störung spürbar werden konnte. „Überraschung und Störung ist Kunst.“ (Zitat, eine Schülerin der Klasse) Einige wollten dokumentieren, filmen, fotografieren; ein LKW sollte gemietet werden; das Mobiliar einladen und ausladen sollte zu organisieren sein. Die Presse war informiert und wollte vom Ort berichten – aber es geschah ja nichts.
Kurz vor der Aktion rief uns überraschend der Schulleiter an und teilte uns mit, dass die Klasse über die geplante Installation erneut diskutiert und schließlich abgestimmt habe: die Klasse hatte sich mehrheitlich, wenn auch knapp, gegen die gewagte Maßnahme entschieden, wollte aber ihre Entscheidung mit uns diskutieren und ein Facit aus ihrer Sicht ziehen. Im einberufenen Gesprächskreis wurde uns mitgeteilt, dass die SchülerInnen das Ziel der Vermittlungsaktionen, die wir entwickelt hatten, nicht erkennen konnten. Die Mehrheit (etwas mehr als die Hälfte der Klasse) hätte erst in Aktion treten wollen, wenn der Zweck und der Sinn der Maßnahme und das letztendliche Ergebnis von vorneherein erkennbar geworden wäre. Überraschendes Denkmal demokratisch verhindert?
Damit hat sich ein Motiv der künstlerischen Kunstvermittlung zumindest im Nachhinein und aus Sicht des Künstlers erfüllt: am Ende des Prozesses könnte eine neue Frage stehen. Das entspricht einer neuen Erfahrung. Es muss hier gesagt werden, dass der Verlauf dieser Kunstvermittlungsaktion anders geplant war, dass das ursprünglich angenommene Ziel nicht erreicht wurde. Da wir (die KunstvermittlerInnen) uns entschlossen haben, keine Werkvermittlung anzubieten, da wir stattdessen Verläufe der künstlerischen Methode, des „künstlerischen Denkens“ vermitteln, muss am Ende dieser Prozesse nicht ein WERK stehen. Obgleich wir gespannt waren auf das „Ergebnis“ der öffentlichen Aktion, scheint es nur logisch, dass es nicht da zu kam. Denn insbesondere bei einem Tsunami-Denkmal geht es ähnlich wie in der Kunst zu allererst um die äußerste Überraschung, um das Unvorhersehbare.

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Dritte AMBULANZ : KULTURELL UND ELASTISCH
KUNSTRAUM TOSTERGLOPE – Kunstvermittlungen 2012

Kunstvermittlung, künstlerische Kunstvermittlung 2012 von KUNSTRAUM TOSTERGLOPE aus baut auf den Projekten von Die Landung (2008/09) auf, deren Hauptmerkmal – DAS FREMDE – weniger von der Läuterung des Verhältnisses zum Fremden oder gar Vereinnahmung des Andersartigen ausging. Vielmehr war die Idee des Landens-in-fremder-Umgebung ein Akt der „sicheren und kalkulierten Überraschung“ mit der Aussicht, Anderes als fremd, als faszinierend zu erkennen und dieses nicht in Gewohntes/Bekanntes wandeln zu wollen.
AMBULANZ erweitert diesen Landungsvorgang um den Bereich der bewegten, ambulanten „Dienstleistung“ (der Begriff steht weiterhin auf dem Prüfstand) aber auch den des Lustwandelns – also der Bereitschaft, sich zu bewegen um aufzunehmen und auszugeben. Der künstlerische Prozess des Landens in fremder Umgebung wird gewandelt oder besser: er wird erweitert um den Prozess der künstlerischen Handlung und Produktion, bzw. des künstlerischen Tätigseins.

 

A AMBULANZ – KULTURELL UND ELASTISCH
Das Magazin für Kunstvermittlung
Diese Zeitschrift, die bereits in der 9. Ausgabe vorbereitet wird, richtet sich an alle, die an Kunstvermittlung interessiert sind und versucht zugleich, den Kreis Interessierter zu erweitern. Im Mittelpunkt steht das Anliegen, zur Partizipation anzuregen. Jeder Nutzer, jede Nutzerin von AMBULANZ kann sie selbst mit gestalten.

 

B FREMDENZIMMER? ODER WAS?
(EIN IMPORT – EXPORT – PROJEKT)
Dieses Kunstvermittlungsprojekt richtet sich an Menschen, die sich (kulturell) fremd fühlen in ihrer Umgebung, in ihrem Lebensumfeld. Es untersucht Vergleichsmöglichkeiten der Lebensraum-Öffentlichkeit und sucht nach Gestaltungsräumen. Dazu werden Reisen in andere Orte unternommen.

 

C IN RÄUMEN DENKEN
Ist zugleich Jahresthema des KUNSTRAUM-Veranstaltungsprogrammes. Erforscht werden Architekturen von Innen und Außen mit dem Ziel, Grenzen zu definieren um Vektoren für eine permanente Erweiterung anzulegen. Zielgruppe: Schülerinnen und Schüler aller Altersgruppen in unterschiedlichen Schulen und anderen Institutionen.

 

D GLAUBE LIEBE HOFFNUNG UND KUNST
Die Verbindung der unterschiedlichen Bereiche des KUNSTRAUM-Jahresthemas diskutiert zugleich die Spielräume zwischen Methodenvermittlung und Werkvermittlung. Hierin liegt ein zentrales Anliegen unserer künstlerischen Kunstvermittlung. KUNSTRAUM veranstaltet zu diesem Thema Diskussionen und Vorträge, meist an das Veranstaltungsprogramm angelehnt und in lockerer Folge.

 

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Begrüßungsrituale mit gelben Schirmen Mai 2012 in der Igel-Schule Lüneburg – Fotos: Johannes Kimstedt

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FREMDENZIMMER – oder was?

(EIN IMPORT – EXPORT – PROJEKT)

Fürstenwallschule Dahlenburg und Igel-Schule Lüneburg

 

 

Der herausfordernde Titel steht über einem Projekt der künstlerischen Kunstvermittlung (BildKunst, Klang- und Tanzperformance) zu Themen wie: FREMDHEIT, MIGRATION, REISE, HEIMAT. TeilnehmerInnen sind Kinder, Jugendliche und nach Möglichkeit ihre Familien in den Orten der Schulen, mit denen KUNSTRAUM TOSTERGLOPE kooperiert oder mit denen in 2012 Kooperationen geplant sind: Bleckede, Dahlenburg, Neetze, Scharnebeck, Lüneburg.

 

Phase 1: Nach einleitenden Ermittlungen von örtlichen Gegebenheiten (Schule; Rathaus, Kirche, Moschee, Marktplatz, Wohnhaus, etc.), die vertraut oder unvertraut sind, findet eine erste Begegnung mit künstlerischen Strategien der Aneignung statt. Die Methoden reichen vom „Bespielen“ (Straßenszenen nachspielen, Performance vom Sich-Einrichten), Abbilden, Dokumentieren,
Kommentieren (Skizzen, Fotos, Videos, Texte) bis zum Intervenieren,
gezielten Umgestalten (Farbanstrichwechsel, Schilderwechsel oder Ergänzungen und Umgestaltung von Schaufenstern, Blumenkübeln, Plakatwänden) und zum
„theatralischen Pflegen“ (Kehren und Wischen, Einpacken und Recyceln als Tanzperformance).

 

Phase 2: Nach der Einführung zur Aneignung des Lebensumfeldes werden KurzREISEN durchgeführt in andere, unbekannte Orte. Dort werden die Erfahrungen übertragen oder die Übertragbarkeit geprüft und verglichen. Ähnliche Aktionen wie zuvor werden EXPORTIERT. Gegebenheiten vor Ort ähnlich wie zuvor mit der HEIMAT verglichen. Ideen, Dokumente und Eindrücke werden von den Jugendlichen gesammelt und gegebenenfalls modifiziert nach der Rückreise ins eigene Umfeld IMPORTIERT.
Dem Vorgang des Reisens wird eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

 

Phase 3: Abschlüsse der jeweiligen Projektphasen sind Reise-Berichte der Jugendlichen oder Dokumentationen, die öffentlich gemacht werden, die Beibehaltungen oder Veränderungen vor Ort anregen und diskutieren (oder sogar ausführen) sollen: sowohl im Heimatort als auch im Fremdort. Begegnungen mit Jugendlichen am Reiseziel (und Gegeneinladungen) sind unbedingt erwünscht. Die Ankunft soll aber für alle überraschend sein.

 

Phase 4: Pressearbeit der beteiligten Akteure bis hin zu Berichten in den örtlichen Medien; Versuche, Funk und Fernsehen einzubeziehen und Interviews zu provozieren. Natürlich ist ein umfangreicher Beitrag im AMBULANZ-Magazin geplant.

 

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denk mal – erinnern
in der IGS Lüneburg

 

Die Projektgruppen „denkmal“ und „erinnern“ der
IGS Lüneburg mit den Kunstvermittlerinnen des KUNSTRAUM TOSTERGLOPE e.V. laden zu einer Ausstellung ein.

Montag 16. Januar 2012 um 16.30 Uhr
im Bewegungsraum der IGS – neben der Mensa –

Während die Schülerinnen und Schüler einer Gruppe Statuen und Denkmale der Stadt Lüneburg zum Thema hatten, beschäftigte sich die andere Gruppe mit eigenen Erinnerungen. Objekte in der Stadt wurden zu Denk- und Spielanlässen, öffentlich aufgeführt und fotografisch festgehalten. Für die eigenen Erinnerungen, die unausgesprochen blieben, wurden passende Farben gefunden.
AMBULANZ – Kunstvermittlungen
gefördert vom Land Niedersachsen
Silke Beu, Brita Kärner und Christina Kaul

 

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HAEUTE und Musik bewegt – sich III beim Pfingstfestivalchen 2012 Foto: Inge Luttermann

 

HAEUTE und ANHÄNGE


Kunst- und Musikvermittlung wieder mal vereint

Die Proben zu Musik bewegt – sich III : vom Umgang mit musikalischen Anhängen haben begonnen. Die SchülerInnen vom Gymnasium Bleckede sind bereits mitten im Experiment und sammeln Klänge.
Stefanie Schmoeckel und Johannes Kimstedt, die künstlerischen Leiter von KUNSTRAUM TOSTERGLOPE, die Erfinder von Musik bewegt – sich, hatten zuvor schon einigermaßen bewegt den förderpreis musikvermittlung 2011 in der Landesmusikakademie in Wolfenbüttel entgegen genommen: für den geplanten Umgang mit musikalischen Anhängen.
Nach dem parallelen Projektstart von HEUTE – öffentlich und äußerlich in der Realschule Scharnebeck wurde zuerst mal der Titel geändert: HAEUTE. Die KunstvermittlerInnen hatten im Vorfeld die Firma DBL Marwitz in Lüneburg besucht, wo großzügig Arbeitskleidung zur Verfügung gestellt wird um das HAEUTE-Projekt auszustatten. Denn in der 8. Klasse mit ihrer Lehrerin Stephanie Willner wird nun Arbeitskleidung zu Abendkleidern verwandelt. Auch Senioren aus Scharnebeck sind geladen, ihre Näh-Kenntnisse, ihre Erinnerungen und überhaupt ihre Erfahrungen mit Festkleidung beizusteuern. Denn zu ihrer Jugendzeit wurde eher mal umgenäht und geändert, und sie können bei den 14-Jährigen sehen, wie hier improvisiert wird, wie getanzt und probiert wird. Die Projekte stecken noch in den ersten Ärmeln, in den übergroßen Hosenbeinen und gewiss noch in den Kinderschuhen.

Die Verwandlung vom Overall zum pompösen Abendkleid wird begleitet vom Klang veredelter Klingeltöne, feiner Warteschleifen und reizender Ohrwürmer. Überquellende Stoffe in überbordender Farbenpracht sollen die Musiker zum Äußersten befeuern. Kaskaden von Farben und Klängen müssen aber in beiden Gruppen noch geprobt und verwoben werden.

Bis zur ersten Aufführung im Rahmen des Parlamentarischen Abends der Arbeitsgemeinschaft der Landschaften und Landschaftsverbände in Niedersachsen (kurz: ALLviN) am 19. Januar 2012 im Leineschloss in Hannover sollen erste Einstiegs-Ergebnisse sichtbar und hörbar werden. Eingeladen wurde KUNSTRAUM TOSTERGLOPE hierzu aufgrund seiner außergewöhnlichen Vermittlungsprojekte für Kinder und Jugendliche. Ausgesprochen wurde die Einladung vom Lüneburgischen Landschaftsverband, zu dessen Aufgabenschwerpunkten die Förderung von Kunst und Kultur in der Region zählt und der 2010/2011 den ALLviN-Vorsitz innehat.

 

Die Aufführungstermine sind:
19. Januar 2012 im Leineschloss Hannover
20. April 2012 im Gymnasium Oedeme, Lüneburg

28. Mai 2012, 11.30 Uhr beim 6. Pfingstfestivalchen im KUNSTRAUM TOSTERGLOPE

3. Juni 2012 im Elbschloß Bleckede beim Mittsommerfestival
22./23. September 2012 beim Fest zum 10-Jährigen von KUNSTRAUM TOSTERGLOPE

 

Die Partner der Projekte sind:
VGH-Stiftung, Niedersächsische Sparkassenstiftung, Musikland Niedersachsen, Lüneburgischer Landschaftsverband, Firma DBL Marwitz Lüneburg, Gymnasium Bleckede, Elbmarsch-Realschule Scharnebeck

 

Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler sind:
Jutta Brüning, Brita Kärner, Johannes Kimstedt, Inge Luttermann, Stefanie Schmoeckel und Christina Wahlgren