KUNSTRAUM TOSTERGLOPE Programm 2017

1 vor A – Vom Anfangen
LABORATORIUM III 2017

In unserem Jahresprogramm 2016 hatten wir uns in den Bereichen Konzerte, Ausstellungen, Kunstvermittlung (zu der wir Musik- und Tanzvermittlung zählen) wie in allen anderen Bereichen (z.B. Soziokultur) besonders auf die Beobachtung von Unterscheidung und Wiederholung konzentriert. Diese hatten wir wie folgt beschrieben: Weil in der ästhetischen Wahrnehmung fast alles gelenkt wird von der Unterscheidung, der Differenzierung der Dinge und der Empfindungen je untereinander im Großen wie im Detail, wollen wir diesem Phänomen besondere Aufmerksamkeit widmen. Vor allem wollen wir den Fokus richten auf das Bedürfnis und die Fähigkeit zu differenzieren. Neben der ästhetischen Wahrnehmung scheint es der Kern des künstlerischen Schaffens zu sein wie auch der Begegnung mit dem künstlerischen Werk überhaupt. Sowohl in der kulturellen Bildung, in der Kunst- und Musikvermittlung wie auch in den weiten Feldern der Kommunikation lässt sich praktisch alles auf den Differenzbegriff zurückführen. In diesem ist sogar Wiederholung als Gegenbild enthalten. – Wir beziehen uns also wieder ausdrücklich auf die Untersuchung des Fremden auch im Hinblick auf die Unterscheidungen und den Vergleich der Kulturen. Dabei kann das Fremde angeeignet, „anvertraut“ oder aber kultiviert, als Fremdes belassen werden. Dieses ist als künstlerische Methode zu erkennen.

LABORATORIUM III wird sich 2017 mit dem Anfangen beschäftigen. Ursprünglich hatten wir auf die Erfindung des Fremden gesetzt als Grundlage einer Erfindung. Dahin wollen wir in den Projekten der Kunstvermittlung 2017 zurückkehren um über Das Anfangen erneut zu philosophieren. Dabei geht es nicht um die Untersuchung eines Anfangs als vermutetes Erstes sondern um den Prozess, die Handlung des Anfangens. Wann und warum fängt etwas an? Wie fange ich an? Was war vor dem Anfang? Weiß ich schon die Richtung und das Ziel? Was sind die Startbedingungen, das Startmotiv und die Startform in der künstlerischen Produktion? Wie beginne ich eine Kompositionsarbeit und was davon wird hörbar/sichtbar sein, welches ist der erste Ton? So lauten einige Fragen, die beim LABORATORIUM – Vom Anfangen untersucht werden – nicht nur in der Kunst-Vermittlung sondern auch im Veranstaltungs-Programm von KUNSTRAUM TOSTERGLOPE 2017.

In der musikalischen Interpretation scheint der Anfang die erste Note oder das Einatmen des Musikers vor dem ersten Ton zu sein. In der Malerei der erste Strich, die erste Spur auf der unberührten Fläche, der allerdings eine lange Vorbereitung, Grundierung vorausgeht.
Beim Formulieren, beim Text-Schreiben kann das erste Wort den ganzen Fortgang bestimmen.
Die Überschrift ist da, das Thema scheint gegeben und klar, aber schon stockt der Schreiber, weil er vor diesem Text-Anfang viele andere Anfänge schon gedacht hat. Viele Ideen, Erinnerungen, Querverbindungen, Übungen, Skizzen: Recherchen und Starts, Aufforderungen etwas (vielleicht das erste Mal) zu tun. Wenn dann ein Text über das Anfangen angefangen wird, wird es komplex: Der Texter beobachtet seinen Anfang oder den Kurz-vor-Anfang und beginnt ihn zu beschreiben. Es wird deutlich, dass vor dem Anfang etwas endet – die Stille, die Leere, der Stand der Trainingseinheit, die Probe. Gelegentlich wird beim Anfangen auch ein Ende mitgedacht. Man kann eine Menge Zeit darauf verwenden, eine Rede mit der Darstellung der Problematik des Anfangens zu beginnen. Und es tun sich zugleich verlockend viele Möglichkeiten auf, die den Gabelungen an einer Kreuzung gleich sind, an welcher nicht mal Wegweiser stehen um entscheiden zu helfen. Aber die Rede endet „schließlich“ – und es beginnt: was? Nach-Denken oder Resonanz, Wirkung stellt sich ein. Beim Anfangen öffnen sich neue Thementüren. Denkräume von Impuls und Wille, Entschluss und Formulierung tun sich auf. Wenn man also anfängt über das Anfangen nachzudenken, ist man unvermittelt mitten drin. Wenn wir uns dann darauf verständigen, dass wir möglichst ohne strenge Vorgaben, womöglich ohne Aufzeigen eines umfänglichen Vorwissens vor die TeilnehmerInnen treten, so wird eine Kunstvermittlungsaktion über das Anfangen spätestens an der Tür zum Klassenzimmer entschieden.

In unseren Veranstaltungen bzw. ihren Vermittlungen wird nicht von vornherein Das Anfangen zum Programmthema, wohl aber kann eine künstlerische Übung oder Ausführung oder Interpretation auf das Phänomen des Anfangens, des ersten Tons oder der Geste des Auftaktes, der wie ein Vor-Anfang erscheint, befragt und untersucht werden. Wie vorher angedacht, könnte der Raum zwischen dem Ende und dem Anfang thematisiert werden: der Zwischen-Raum kann beschrieben werden, als Leere, als Stille, das Anhalten des Luftstroms beim Atmen, etc. Und wie ist es überhaupt mit den Wiederholungen? Wollen sie den Anfang nur neu erleben? Oder sollen sie das Ende vermeiden? Wir versprechen uns interessante Perspektivewechsel und überraschende Standpunkte und Ansichten.

Diesen Fragen nach dem Anfangen wollen wir in unseren Veranstaltungen und den begleitenden Vermittlungsaktionen nachgehen.