Kunstvermittlung 2023

21 Mai, 2024

Kunstvermittlung zwischen Hä? und Ach so!

Über Entwickelungen und Überraschungen
Kunstvermittlungen an Schulen, in Gärten, am Fluß und zuhause

Entwickelungen sind keine linearen Fortschritte ins Neuland. Entwickelungen sind keine Bewegungen von einem (Stand)Punkt aus in eine ferne vorgegebene Zielrichtung. Entwickelungen sind Prozesse wie Schälungen und Häutungen. Sie entstehen beim Sich-vertiefen oder beim Hinterfragen oder Freilegen von Krusten und Oberflächen. Sie sind als Differenzierungen zu verstehen, als Verdichtungen – ein Forschen zum „Kern der Sache“, wobei nicht sicher ist, ob letztlich ein Kern sichtbar wird. Also ein Schälen mit offenem Ausgang.

Viele unserer künstlerischen Erforschungen (und Vermittlungen) basieren auf solchen Entwickelungen, deren Ziele nicht benannt werden können.

Wer eine Zwiebel schält, sie entwickelt, wird überrascht sein, dass kein Kern zu finden ist. Aber der Prozess, wenn er behutsam ausgeführt wird, zeigt, warum das so ist, was schließlich die Mitte ist.

3 Module der Vermittlung
aus dem Rezeptbuch zur Kunstvermittlung 2021/23

Die Basis I für unsere Kunstvermittlung ist die Frage nach der Hierarchie:
wir bilden eine Besucher:innen-Gemeinschaft oder auch Künstler:innen-Gruppe, die das erste Mal in den Ausstellungsraum tritt. Wir kommen alle von außen! Wir sind nicht die, die immer Bescheid wissen. Die Vermittler:innen sind Nichtwissende und entdecken die Besonderheiten eines Ortes, einer Ausstellung mit allen Teilnehmenden neu. Wir sind Wunderer:innen, ausgestattet mit Neugierde und Fragen.
Die Basis II betrifft die Phänomene Differenz und Interesse (wörtlich dazwischen-sein). Wir betrachten in allem die Unterschiede aber auch die Wiederholungen: zwischen innen und außen, zwischen alt und neu, zwischen bekannt und unbekannt, zwischen Dir und Mir. Wo verlaufen die Grenzen und Übergänge? Wie benennen wir diese Bereiche? Überhaupt spielt in unserer Vermittlung Sprache und Zeichnung eine elementare Rolle. Was ich zeichne, habe ich gedacht. Zeichnung ist die Schrift des Denkens wie grafischer Druck die Entscheidung zur Wiederholung ist. Auch Sprache und Schrift leben von der Wiederholung und von der Differenz. Wir protokollieren mit Schrift und Zeichnung – und ganz unbemerkt sind wir mitten in der Transformation zwischen Erleben und Erinnern, Sehen/Hören und Dokumentieren. Dabei hinterlassen wir Spuren.
Die Basis III bildet schließlich die Begegnung mit dem (Kunst)Werk als Krise, letztlich
die Beschreibung/Umschreibung für der/die/das Fremde. Der Begriff Krise beinhaltet Kriterien und Kritik. Es ist ein Durchgangsprozess zwischen “Hä?” und “Ach so!”. Der schwierigste Entscheid ist: wie viel Handlungsanweisungen sollen den Vermittlungsprozess in Gang setzen?