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Finissage -gästeliste- #4 „Kommst du oder gehst du?“

Sonntag, 11. November 2018, 15:00

mit Künstlerspaziergang und Release der Publikation und Künstlergespräch mit der Kuratorin Mascha Pöhls und Benedikt Terwiel und Miguel Àngel Fernández.

 

gästeliste | Benedikt Terwiel + Miguel Àngel Fernández

Kommst du oder gehst du?

Mit Benedikt Terwiel und Miguel Ángel Fernández eröffnet bereits zum vierten Mal die gästeliste – und ist mittlerweile zu einem Stammgast im KUNSTRAUM geworden ist, den man immer wieder gern empfängt. Ziel dieses Formats ist es, Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit zu bieten, intensiv über ihre jeweilige künstlerische Praxis miteinander in Kommunikation und zugleich kollaborativ in den Produktionsprozess zu treten. Vor diesem Hintergrund war die Einladung nach Tosterglope für Benedikt Terwiel und Miguel Ángel Fernández eine wunderbare Gelegenheit, ihrer Zusammenarbeit, die schon seit einigen Jahren besteht, endlich wieder ein bisschen mehr Raum und Zeit zu gönnen. Das verbindende Moment ihrer konzeptuellen Arbeitsweise ist das unermüdliche Interesse an dem Phänomen der Zeit – z.B. in ihrer Qualität des Vergänglichen, aber Zeit auch als ein Mittel, das Ahnen von Geschichte sichtbar zu machen. Terwiel entlehnt seine Arbeitsweise oftmals Ingenieurstechniken wie der Landschaftsvermessung, der Kartographie oder aber auch forensischer Methoden zur Spurensicherung. Quasi-wissenschaftlich verfolgt er z.B. über Jahre hinweg das Verschwinden einer Kreuzberger Imbiss-Bude anhand der Veränderungen der Gehwegpflasterung. Fernández interessiert vor allem der performative Charakter seiner Werk-Produktion. Der Schaffensprozess ist somit nicht nur Nebenprodukt, vielmehr werden seine Materialexperimente selbst zum eigentlichen Kern der Arbeiten. Es ist die prozessuale Form- und Bedeutungsentwicklung, in der er immer wieder dem Phänomen der Zeit nachgeht.

 

Bemerkenswert war, dass beide Künstler ihren zweiwöchigen Arbeitsaufenthalt im Sommer mit sehr viel Freude und Muße begangen haben. Zu Fuß und mit dem Rad haben sie Tosterglope und seine Umgebung erkundet und vor allem hat es die beide immer wieder in die Wälder und zu den Findlingen gezogen.

 

Laut Terwiels Terminkalender war es aber auch höchste Zeit, eine seit langem geplante Filmarbeit endlich einmal wirklich anzugehen. Fest stand für ihn, dass es noch in diesem Jahr passieren sollte. Bereits seit Jahren gab es diese nebulöse Idee, Felix Mendelssohn Bartholdys Jagdlied erklingen zu lassen, während ein Schwein professionell zerlegt wird – am besten direkt auf einem Klavier. Fernández war noch skeptisch, aber dann kamen sie in Tosterglope an und da war da der Flügel und die Produktion des Films damit gesetzt! Was sich vielleicht erstmal wie eine schwarzhumorige Jungsidee klingt, geht in der entstandenen Arbeit dann aber doch in einer virtuosen und scharfen Verdichtung zweier erst einmal weit entfernter Handwerke auf, die der Idee einer Jagdgesellschaft, die nach getaner Arbeit den Tag womöglich mit einem Opernbesuch ausklingen lässt, das rohe Handwerk der Fleischverarbeitung abstrakt wie auch absurd gegen überstellt – und nicht zuletzt getragen wird von der spielerischen Übernahme des musikalischen Aufbaus des Bartholdy-Stückes in den filmischen Schnitt. Aber noch ein weiterer Jäger hat sich in ihre Arbeiten eingeschrieben – die Schwebefliege. Mehr oder weniger zufällig beim Filmen auf dem Gelände vor die Linse geraten, hatte dieser Moment in seiner Ästhetik fast etwas von Wildlife-Fotografien. Wiederfinden werden Sie diesen kleinen Jäger “hinter den Fenstern” der Betonskulptur – ein Abguss des großen Galerieraums. Verschoben in seinen Größenverhältnissen, wurde das Handy als Filmträger so zum Maßstab für das Modell.
Diese Ausstellung ist als eine Kollage des Erlebten zu verstehen – bildlich gesprochen haben sich die hier gezeigten Werke als Substrat verschiedener Ideen aus dem Erdreich herausgearbeitet – genau wie die hier in den Wäldern anzufindenden Findlinge. Weitergedacht wird die Ideenkollage auch in den von ihnen gestalteten Postern – sie illustrieren die Bezüge zu den hiesigen Orten und skizzieren die Entstehungsgeschichte der anderen Arbeiten. Verstärkt wird dies durch den Einsatz von Typografie, wodurch sie untereinander in einen Dialog, in ein Frage-/Antwort-Spiel treten und nicht zuletzt dadurch auch noch einmal ganz andere Aspekte von Zeit und Geschichte erahnen lassen und sich so als eigenständige Werke in die Ausstellung einschreiben.

 

Miguel Ángel Fernández, 1976 in Yeste (Spanien) geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte von 1994-2000 Malerei, Fotografie und Zeichnung an der Facultad de Bellas Artes in Granada und von 2000-2003 Graphik und Design an der Universidad Complutense in Madrid. Parallel besuchte er Seminare mit José Luís Brea, Dora García, Esther Ferrer und Gabriel Orozco, und arbeitet in enger Zusammenarbeit in den Ateliers verschiedener Künstler wie unter anderem Fernando Bryce, Arturo Herrera und David Zink Yi.

 

Benedikt Terwiel,1980 in München geboren, studierte 2001 bis 2009 an der Universität der Künste in Berlin, wo er als Meisterschüler abschloss und 2003 bis 2004 an der Universidad de Belles Artes, Barcelona. Er arbeitete langjährig in den Ateliers von Künstlern wie Anohni, Damian Ortega, Gabriel Kuri und Arturo Herrera. 2010 bis 2015 leitete er als Co-Kurator den non-for-profit Projektraum SOX, Berlin (www.soxberlin.com) und unterrichtete 2015/2016 als Lehrbeauftragter an der Universität Kassel. Als wichtigen Bezugspunkt zu seiner künstlerischen Arbeit über die Landschaft unternahm Benedikt Terwiel mehrwöchige Wanderungen – u.a. im Rahmen des Arbeitsstipendiums der Stiftung Kunstfonds – von Berlin nach Rotterdam (2011). Weitere Förderungen waren das Arbeitsstipendium des Berliner Senats und das DAAD Reisestipendium. Seien Arbeiten befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen einschließlich des Metropolitan Museums und der Museum of Modern Art Library.